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Wo Geschichte plätschert

Porträt – Warum Marco Sager historische Brunnen restauriert

Quelle: Bioterra, Ausgabe November/Dezember 2025 (Bioterra 7/2025), Seiten 50 - 51

Text: Nicole Egloff, Bilder: Stefan Walter


In der Zeitschrift Bioterra vom November/Dezember 2025 erschien ein Porträt von Marco Sager.

Die nachfolgende Fassung basiert auf dem ursprünglichen Beitrag und wurde für die Veröffentlichung auf unserer Website ohne Bilder übernommen.


Herzlichen Dank an Bioterra!

«Hier», Marco Sager zeigt auf die um liegenden Hügel des Alpsteins, «hier ist alles aus Nagelfluh, einem Konglomerat aus Geröll und Flusskiesel. Daraus lassen sich keine Brunnen bauen. Deshalb waren die Brunnen im Appenzellerland aus Holz und gibt es keine hier hergestellten historischen Steinbrunnen.» Und trotzdem ist in Gontenbad – einer Nachbargemeinde von Appenzell – der grösste Schweizer Händler und Restaurator von alten Brunnen zu Hause. Marco Sager hat den Betrieb 2011 von seinem Vater übernommen. Dieser handelte mit Antiquitäten, später vertrieb er ein selbst entwickeltes Hochbeetsystem und verkaufte ab und zu einen Brunnen. Schon früh nahm Vater Sager seinen Junior mit auf Trödel- und Antiquitätenmärkte und brachte ihm bei, Wertvolles von Ramsch zu unterscheiden.


Rund ums helle Holzgebäude, das neben den Büroräumlichkeiten der Firma auch die Wohnungen für drei Generationen der Familie Sager umfasst, stehen steinerne Brunnen. Die einen aus Sandstein, andere aus Kalkstein, Muschelkalk oder Granit. Sie stammen aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland, und zu vielen weiss Marco Sager die Geschichte oder zumindest, wo sie zuvor standen. So wie beim Kalksteinbrunnen, auf dem die Skulptur einer fast lebensgrossen sitzenden nackten Frau thront, die verträumt nach oben blickt und mit einem Tuch ihre Schultern umschmeichelt. «Das ist ein Jugendstilbrunnen von Otto Kappeler, dem ein- flussreichsten Schweizer Bildhauer des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er stand in einem wunderschönen Garten in einer Aargauer Gemeinde. Dieser Garten wird nun überbaut. So geht das leider ­ häufig.» Pech für den Garten, Glück für Sager, der dank seines grossen ­ Netzwerkes rechtzeitig von solchen Trouvaillen erfährt und zuschlagen kann. Wo die Geschichte des Brunnens nicht offensichtlich ist, recherchiert Sager. Sein Geschichtsstudium kommt ihm dabei zugute. Denn: «Mit der Geschichte des Brunnens gebe ich dem Käufer einen Schlüssel zur passenden Epoche.»


An der Universität Zürich studierte Marco Sager Philosophie, Staatsrecht und Geschichte. Es war nicht absehbar, dass er das Geschäft übernehmen würde. Sein Bruder René, ein Grenadier, der morgens um vier aufsteht und eine «uhuere» Maschine ist, war dafür vorgesehen. «Im Gegensatz zu ihm war ich immer eher das Phlegma. Aber dann wurde René Pfarrer.» Ein Pfarrer notabene, der auch katholische Comics verlegt. Obwohl Marco Sager eine ­ Karriere auf der Bank vorschwebte, sagte der Philosoph mit 29 Jahren zu, als sein Vater ihn vor die Wahl stellte: In die Firma einsteigen oder diese ansonsten verkaufen. Vier Jahre lang war er Angestellter des Vaters, 2011 wechselten sie für weitere vier Jahre die Rollen. Der inzwischen 79-jährige Vater ist aber noch immer aktiv und vor allem bei derBrunnensuche unbezahlbar. Und als Fahrer. «Er kann morgens um vier aufstehen und bis abends um sechs Auto fahren. Ich schlafe in der Zeit dreimal», beschreibt Marco die Fahrten, die die beiden regelmässig gemeinsam zum Beispiel nach Frankreich unternehmen, wo ein Grossteil der Brunnen herkommt. Seine eigenen vier Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren geniessen derweil einen spielerischen Umgang mit den Brunnen. Mitten im aufwendig angelegten Schaugarten steht ein achteckiges Exemplar mit 4 Metern Durchmesser. Es ist ein Brunnen, der aus einzelnen Segmenten zusammengesetzt wurde und einst im französischen Grenoble stand. «Das ist unsere Sommer- Badi. Falls den jemand kaufen möchte, würde der Familienrat bestimmen, ob und zu welchem Preis wir ihn hergäben.»


Auf der tiefer liegenden Rückseite des Hauses ist die betriebseigene Werkstatt. Die wenigsten Brunnen kommen in perfektem Zustand zu Sagers. Hier muss ein Riss geflickt werden, da fehlt der halbe Rand. Bei den meisten muss der Ausfluss neu gebohrt werden. Sind die Formen wiederhergestellt – und gegebenenfalls auch wieder der eine oder andere «Hick» künstlich hinzugefügt –, wird der Bohrkern aus dem neuen Ausfluss gemahlen und dieses Pulver als letzte Schicht auf die geflickte Stelle aufgebracht, damit farblich alles stimmt. Auf Moos, Flechten oder gar kleine Hauswurze, die auf den Brunnen wachsen, wird dabei penibel Rücksicht genommen, sie werden gar gegossen, wenn der Brunnen zu lange in der trockenen Werkstatt steht. «Ich habe alles probiert. Aber Moos auf einer geflickten Fläche anzusiedeln, ist mir bis jetzt nicht gelungen. Deshalb hege ich das schon vorhandene umso besser.»

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