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Frisches Wasser in alten Trögen

Reportage: In Gontenbad AI füllt der Philosoph und Historiker Marco Sager antike Brunnen mit Leben. Bei ihm fliessen Geschichten aus der Vergangenheit zusammen und strömen für eine neue Zukunft in alle Welt.

Quelle: Schweizer Landliebe, Ausgabe Sommer 2025, Seiten 40-53

Text Silvia Tschui, Fotos Daniel Ammann und Nicolas Righetti


Im Frühjahr 2025 hatten wir das Glück die Schweizer Landliebe hier bei uns in Gontenbad begrüssen zu dürfen und im Sommer 2025 ist dann eine Reportage über uns erschienen.

Die nachfolgende Fassung basiert auf dem ursprünglichen Beitrag und wurde für die Veröffentlichung auf unserer Website ohne Bilder übernommen.


Herzlichen Dank an die Schweizer Landliebe!


Sprudelndes, klares Wasser und ein steinernes Becken, das es auffängt – nicht viel mehr braucht es, und das Glück ist für einen magischen Moment perfekt. Derart beglückte Kinder hört man während des sommerlichen Besuchs bei Marco Sager, 48, im idyllisch gelegenen Gontenbad AI schon von Weitem. An schulfreien Nachmittagen finden hier bei schönem Wetter nicht nur Sagers ­ eigene, sondern auch die Kinder der Nachbarschaft zusammen, um im grossen achteckigen Brunnen nach Herzenslust zu baden und zu spielen – inmitten einer üppigen, gepflegten Gartenanlage und unter den Blicken von steinernen Löwen, verwunschenen Faunen und weissflügeligen Engeln.

«Das ist doch einfach schöner als jeder Pool», sagt Sager über das achteckige Aushängeschild seines Betriebs. Der riesige antike Segmentbrunnen aus Kalkstein steht vor seinem Geschäft, ­ einem stattlichen Appenzellerhaus mit Vor- und Hinterplatz sowie Garten. Und diese sind voller antiker Skulpturen und Tröge. Sager findet, birgt, restauriert und verkauft antike Brunnen – und er bietet dazugehörige Steinmetzarbeiten an.


Die Kinder helfen im Betrieb

Teilweise träumen die Brunnen seit hundert oder zweihundert Jahren in vergessenen Schlossanlagen, aufgegebenen Pärken oder einfach auf Dorfplätzen und hinter Bauernhäusern vor sich hin, sie haben längst zu plätschern aufgehört. Sager findet sie auf Reisen im Inland und im nahen Ausland, bei Händlern, dank Tipps oder den findigen Augen seines Vaters. Sobald sie einen Käufer gefunden haben, füllen sich die leeren steinernen oder bronzenen Zeitzeugen unter den sachkundigen Händen des Restaurators wieder mit Wasser und Leben.

Übrigens nicht nur unter Marco ­ Sagers Händen: Regelmässig lassen seine vier Kinder im Primarschulalter das Wasser in den Brunnen ab, bürsten die Becken von innen, damit die Algen nicht weiterwachsen, und lassen die Brunnen trocknen, bevor der Spass mit den Nachbarskindern weitergeht. «Jeden Samstagmorgen arbeiten sie im Betrieb mit», sagt der Familienvater und Unternehmer sichtlich stolz. Das sorge für eine gute Stimmung in der Familie. Seither gäbe es kaum mehr Streitereien aus Langeweile, stattdessen Stolz auf ­ getane Arbeit und ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie.

Sager hat dafür ein Vorbild, denn die gute Stimmung in der Familie inmitten der sanften Appenzeller Hügel erstreckt sich auf eine weitere Generation: Marco Sager hat die Liebe zu Antiquitäten und zur Restauration seit Kindheit von seinem Vater vorgelebt bekommen.

Robert Sager, der immer mal wieder zwischen all den Brunnen und Skulpturen in unserem Blickfeld auftaucht – etwa wenn er auf dem Stapler ein Granitbecken transportiert – habe sich seinerzeit auf antike Möbel und Kunst spezialisiert. Die Brunnen seien eher nebenhergelaufen. «Aber das Auge für Ästhetik und Qualität, die Liebe für Kunsthandwerk, Restauration und Handwerk, die Freude am Suchen und Finden», das habe er vom Vater, erzählt Marco Sager im Besprechungszimmer seines Geschäfts.


Felsenfeste Familienbande

Das stattliche Holzhaus ist nicht nur ­ Galerie, Büro und Werkstatt, es ist auch ein Mehrgenerationenhaus, ein Daheim, in dem alle an einem Strick ziehen. ­ Zuoberst wohnen Sagers Eltern. «Das ist so schön für die Kinder, dass sie die Grosseltern auch hier haben», sagt Marco Sager, der grosse Stücke auf seinen Vater hält. Er sei ein unglaublich ­ guter Sucher und Finder, aber seit Jahren auch ein verlässlicher Partner, wenn es darum gehe, die Becken, Tröge und Skulpturen sachgemäss abzuholen.

Manchmal geht der Senior allein, manchmal fahren Vater und Sohn auch zusammen los, um einen Brunnen zu holen, besprechen vor Ort, wie man ihn am besten auseinanderbaut, demontiert, festzurrt und hochhebt, damit die kostbaren, teilweise jahrhundertealten Tröge nicht zu Schaden kommen. Denn was aussieht wie für immer in Stein ­ gemeisselt, kann bei unsachgemässer Behandlung in die Brüche gehen.

Es sind aber nicht nur die Kinder und der Vater – Marco Sagers Frau sorgt für den grossen Schaugarten und erledigt viele kleine Arbeiten im Hintergrund, seine Mutter hilft bei den vier Kindern. Und da wären noch Sagers Angestellte: Mittlerweile beschäftigt er fünf Personen. Seine Sekretärin ist ausgebildete Fotografin, sie rückt Sagers Brunnen für sein Kundenmagazin – eine eigentliche Brunnenbibel – professionell ins beste Licht. Sagers Werkstattleiter, ein begnadeter Handwerker, sei ein sehr guter Freund geworden. «Mit ihm konnte ich die Werkstatt erweitern und professionalisieren», sagt Sager, der zu Beginn alles mit seinem Vater nur zu zweit ­ gemacht hat.


Brunnen erzählen Geschichten

«Oh, und dass ich mein Studium mit meinem Geschäft verbunden habe, hat auch geholfen», sagt der Brunnenhändler aus Leidenschaft. Denn obwohl es ihn schliesslich an seinen Geburtsort. Seit vierzig Jahren sind die Sagers gemeinsam und zur Übernahme des Geschäfts seines Vaters gezogen hat – Marco Sager schlug zunächst andere Wege ein. Und unterwegs heute kommt ihm sein Philosophie- und Geschichtsstudium von damals an der Universität Zürich entgegen. «Es ist ein ­komplexes Geschäft, das nicht nur ein vielseitiges Handwerk, sondern auch kulturhistorisch viele ­ Bereiche umfasst», sagt er. Da sei eine geisteswissenschaftliche Grundlage eine gute Hilfe. «Die ­Leute lieben Geschichten, aber diese müssen dann auch stimmen.» Eine gute Geschichte ergebe sich nicht einfach von selbst, da müsse man genau hinschauen.

Tatsächlich erzählt jeder Brunnen, der durch Sagers Hände geht, gleich mehrere Geschichten. Manche sind laut und spektakulär, manche leise, nur für die, die gut zuhören können. Eine der lauteren Geschichten ist direkt hinter Sager in dessen Besprechungszimmer zu sehen. Dort hängt eine überlebensgrosse gerahmte Fotografie eines barocken Bronzegussbrunnens. Robert ­ Sager hat ihn vor Jahrzehnten in Frankreich gefunden, gekauft, geborgen und nach Gontenbad transportiert. Bei Sotheby’s hat ihn Marco Sager später in einer Auktion verkauft – nach China.

Oder Marco Sagers Lieblingsgeschichte: wie er 2012 auf seiner Hochzeitsreise in Südfrankreich einen Springbrunnen findet, sofort dessen Herkunft – eine Giesserei aus dem neunzehnten Jahrhundert – erkennt, sehr tief ins Portemonnaie greift und sich das Stück sichert. Mit dem späteren Verkauf war dann nicht nur die Hochzeitsreise bezahlt, der Kunde bekam zusätzlich zum wunderschönen Lustbrunnen in seinem Garten eine Liebesgeschichte.


Stein ist empfindlich

Aber aus den Brunnen sprudeln auch stillere Geschichten. Etwa von verloren gegangenem oder geglaubtem Handwerk. Einiges davon lässt Sager in seiner Werkstatt im untersten Geschoss seines Generationenhauses wieder auferstehen. Dort, im Hinterhof, lädt der Vater die reparaturbedürftigen antiken Tröge und Becken ab.

In der Werkstatt geht es darum, das Material auf Herz und Nieren zu prüfen, denn wie bereits erwähnt ist Stein – bei aller Beständigkeit – empfindlicher, als man denkt. Das Überprüfen beginnt ­eigentlich schon vor dem Kauf, denn­ Sager kennt viele historische oder noch aktive Steinbrüche in Mitteleuropa und kann so das Material einschätzen: Granit verhält sich anders als Muschelkalk, der sich wiederum anders verhält als Sandstein. Nicht nur für die Restauration ist dieses Wissen essenziell, sondern auch für den Verkauf. Denn nicht jeder Stein ist frostsicher und lässt sich überall platzieren.

Jeden Zentimeter eines Trogs klopfen Sager und seine Angestellten vorsichtig ab. Wo der Stein hohl klingt, also über die Jahrzehnte spröde geworden ist, wird er sorgfältig entfernt und fachgerecht restauriert – natürlich so, dass der Flicken nahezu unsichtbar ist.

Alte Gusstechnik ist ein weiteres weitgehend in Vergessenheit geratenes Handwerk, das Sagers Interesse weckt – er sammelt kunstvoll gearbeitete antike Bronze- und Messingwasserspeier. Das Lager in der grossen Werkstatt ist bei- nahe schon ein Museum: Hier blähen in Metall erstarrte Frösche ihre Schallblasen auf, und bronzene Drachen mit seltsam treuherzigem Blick warten ­ darauf, Wasser anstelle von Feuer zu speien. Wenn das Original eines besonders kunstvollen und historisch passen- den Exemplars nicht mehr zur Verfügung steht, um es am Brunnen zu montieren, lässt Sager es giessen.

Ganz grosse Brunnen wie das ­ «Sotheby’s-Stück» stellen Giessereien heute vor grosse Herausforderungen: Die Gusstechnik, wie sie französische Meister im neunzehnten Jahrhundert beherrschten, ist teilweise verloren gegangen. Und viele der spektakulären Brunnen wurden nach dem Fall des ­ französischen Adels vernachlässigt, die Schlösser verfielen.

Und so erzählen Sagers Brunnen nicht nur von Geologie, von gleichermassen groben wie verfeinerten Arbeitstechniken und exquisitem Kunsthand- werk, sondern auch von Verlust – von politischen Umstürzen, Konkursen, sich veränderndem Geschmack und verlorenen Kulturtechniken.

All diese Geschichten aus der Vergangenheit bündelt Sager in Gontenbad, um sie in alle Welt zu entlassen – sein Kundenstamm reicht bis nach Kalifornien und auf die Bahamas. Eigentlich erzählen die Geschichten von nichts ­ weniger als vom sprudelnden, manch- mal schrecklichen und oft wunderschönen Leben. Und wenn Sagers Kinder und ­ deren Freunde im Brunnen spielen, ­ klingen diese Geschichten besonders schön und laut.

Originalartikel

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